Freitagnachmittag in Teltow, ein flaches, rotes Gebäude in einem Gewerbegebiet. Der fast fensterlose Bau verströmt den Charme der 70er Jahre. Die Eingangstür steht halb offen, die Flure wirken verlassen. An einer weißen Tür hängt ein einsames Veranstaltungsplakat. Es kündigt die Premiere des neuen Stücks des Kinder- und Jugendtheaters Morgenstern an. Hinter der Tür ein dunkler Vorraum, voll gestellt mit Requisiten und Kulissenteilen. Nur ein schmaler Durchgang gewährt Zugang in den dahinter liegenden Probenraum, der mehr an eine Turnhalle als an ein Theater erinnert.
Hier sitzt Daniel Koch, Gründer und künstlerischer Leiter des Theaters Morgenstern, unter kaltem Licht aus Neonlampen auf einem weißen Gartenstuhl aus Plastik. Der 54-Jährige mit den silbergrauen Haaren und der randlosen Brille beobachtet das Treiben vor sich. Mitten in dem nüchternen, ungemütlichen Raum stehen die Schauspieler Alex Schmidt (30) und Katrin Jaehne (24) zwischen Bühnenmarkierungen aus Malerkrepp. Er in Trainingshose und derben Stiefeln, sie in langem Rock mit Schürze und Hemdbluse. Die beiden proben eine Szene aus Selma Lagerlöfs „Das Trollkind“, der neusten Produktion des Theaters. Gerade haben sie in der Rolle eines Bauernpaars entdeckt, dass ihr neu geborener Sohn verschwunden ist. An seiner Stelle finden sie ein hässliches Trollkind – verkörpert von einem ausgestopften Jutesack.
Ebenso unfertig wie die Kostüme und die Requisiten ist auch das Bühnenbild. In dieser Umgebung fällt es schwer, sich das fertige Stück vorzustellen. Dabei soll in zwei Wochen, am 22. Oktober, Premiere im Ökodorf Brodowin gefeiert werden. Noch aber besteht die Kulisse aus einem Gerüst, das einmal eine Hütte werden soll, zwei Holzstegen und den Malerkreppstreifen auf dem Fußboden. Mitten in der merkwürdigen Szenerie steht ein Weidenkorb – das Bettchen des Trollkindes. Das spärliche Bühnenbild ist trotz der nahenden Premiere durchaus beabsichtigt. Daniel Koch erklärt: „Mir ist es wichtig, dass die Schauspieler sich ihre Rollen erarbeiten, sie sollen die Situation erspielen.“ Deshalb kommen Requisiten, das fertige Bühnenbild und Kostüme erst ganz zum Schluss zum Einsatz. Bis dahin sollen die Schauspieler allein mit ihrer Phantasie und ihrer Körperlichkeit das Stück zum Leben erwecken. Doch genau daran hapert es im Moment.
Den Abläufen der Szenen fehlt noch der Schwung, es wird herumprobiert. Seit sieben Wochen laufen die Proben, an diesem Tag ist die Gruppe schon seit dem Morgen bei der Arbeit. Die Proben sind anstrengend, verlangen vollste Konzentration und die Ansprüche des Regisseurs sind hoch. Es geht nur mühsam voran und allmählich zeigen alle Nerven. Katrin Jaehne probiert eine Szene, die das Team gerade umgestellt hat. Sie soll die Alltagssorgen der Bäuerin verdeutlichen. „Hast du den Text drauf?“, fragt Koch, Ungeduld schwingt in seiner Stimme mit, während die junge Schauspielerin noch überlegt, wie sie die neue Szene am besten beginnen soll. „Soll ich soufflieren?“, fragt ihr Kollege Selim Cinar, der dritte Schauspieler im Bunde. „Ich will doch gerade machen“, fährt sie ihn, aus der Konzentration gerissen, an. Dann beginnt sie zu spielen. Am Ende ihrer Darbietung ist Koch nicht zufrieden. „Du musst die Handlung vorantreiben. Diese Szene ist der absolute Schmerz, aber du musst ins Handeln kommen, sonst nimmt dir das niemand ab“, lautet die Kritik.
Es sind große Gefühle, die der Regisseur von seinen Schauspielern in Gesten und Bewegungen übersetzt sehen will, damit auch Kinder sie verstehen können. In der Geschichte um das Trollkind geht es um Verantwortung, Liebe und Menschlichkeit. Es geht um eine Mutter, die ihr eigenes Kind verliert und an seiner Statt gegen alle Widerstände ein Wechselbalg groß zieht. Es geht um einen Vater, der sein Kind verliert, der das Trollkind hasst und am Ende seine Frau deswegen verlässt. Es geht um die Hinterhältigkeit, mit der die Dorfbewohner gegen die Bauersfrau und das Trollkind intrigieren. Daniel Koch hat genaue Vorstellungen, wie das Stück am Ende aussehen soll. „In der Vorbereitung liest man ein Stück intensiv und dabei kristallisiert sich die Geschichte heraus, die man erzählen will. Man lässt Bilder dazu entstehen“, sagt er. Und genau diese Bilder will Koch jetzt sehen.
Der letzte Durchgang des Tages: die Schauspieler reißen sich noch einmal zusammen, spielen die umgestellten Szenen erneut. Doch irgendwie ist der Wurm drin, die gewünschten Bilder wollen einfach nicht sichtbar werden. Daniel Koch ist die Unzufriedenheit immer deutlicher anzumerken. Mit überschlagenem Bein, verschränkten Armen und regungsloser Miene sitzt er auf seinem Plastikstuhl. „Ihr sollt nicht nur den Text aufsagen und euch von einer Stelle zur anderen bewegen. Ihr müsst die Situation begreifen“, setzt er dann zur Standpauke an. „Es sind starke Emotionen, die ihr rüberbringen müsst. So wie ihr es jetzt macht, ist es langweilig, es ist alles ein Tempo. So interessiert das keinen Mensch. Ihr spielt die Szenen in die Ecke, die Situation wird nicht erspielt. Es kommt nur Text, seit Tagen geht das jetzt so“, schimpft Koch, bevor er die drei in den Feierabend entlässt.
Koch ist ein Theatermensch durch und durch. Sein Theater gründete er vor 17 Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Pascale Senn Koch. Das Theater ist ein Familienbetrieb, es ist Leidenschaft und Existenzgrundlage zugleich. Das Paar hat drei Töchter, der Erfolgsdruck ist groß. „Wir können es uns nicht leisten, eine Produktion in den Sand zu setzen“, sagt Pascale Senn Koch, „wenn es mal nicht so gut läuft, hat man gleich die Existenzangst im Nacken.“ Eine Produktion kann leicht bis zu 20000 Euro kosten. Was sie tut, wenn es am Theater mal nicht so rund läuft? „Hoffen und beten. Man versucht eben verzweifelt einen neuen Ansatz zu finden“, sagt die 46-Jährige und lacht. Sie unterstützt ihren Mann bei der Leitung des Theaters, kümmert sich viel um Organisatorisches. In ihr Team, das erst seit Kurzem in der Besetzung zusammenspielt, hat sie Vertrauen. Sie weiß: Auch Schauspieler sind nur Menschen, die sich mit Alltagssorgen herumplagen, aber wenn es darauf ankommt, geben sie ihr Bestes.
Auch ihr Mann ist sich sicher, dass der Knoten beim „Trollkind“ schon noch platzen wird. Jetzt sitzt er in der Küche seines Hauses und gönnt sich eine Tasse Kaffee. Der Ärger über die Probe verraucht. „Vielleicht“, überlegt er, „kam der Ärger gerade zum richtigen Zeitpunkt. Die größte Entwicklung passiert immer erst kurz vor der Premiere. Wir könnten jetzt noch ein Jahr proben und es würde sich erst etwas ändern, wenn es darum geht, das Stück auch tatsächlich aufzuführen.“ Sagt es, lehnt sich zurück und nippt entspannt an seinem Kaffee.
Anna Maria Weiss
Volontärin der Nordwest Zeitung Oldenburg